»Manche Klischees halten sich hartnäckig«

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse erschienen.
Den Original-Beitrag finden Sie hier.

Seit einem Jahr tourt das “Jüdische Kulturschiff MS Goldberg” durch Berlin und Brandenburg. Die Stiftung Berliner Sparkasse unterstützt das Projekt „Meet a Rabbi“, ein Bildungsprogramm, das sich vorwiegend an Kinder und Jugendliche richtet. Was das Besondere daran ist, erklärt Direktor Peter Sauerbaum im Interview.   

Seit einem Jahr tourt das “Jüdische Kulturschiff MS Goldberg” durch Berlin und Brandenburg. Die Stiftung Berliner Sparkasse unterstützt das Projekt „Meet a Rabbi“, ein Bildungsprogramm, das sich vorwiegend an Kinder und Jugendliche richtet. Was das Besondere daran ist, erklärt Direktor Peter Sauerbaum im Interview.   

Herr Sauerbaum, wie kam die Idee auf, eine schwimmende Bühne für jüdische Kultur in Berlin ins Leben zu rufen?

Wir haben die MS Goldberg 2021 gekauft und sie dann für eine Million Euro saniert. Vom Stapel gelaufen ist sie 1964 in der DDR als Frachtschiff. Für mich persönlich ist es ein großes Anliegen, weil es sich bei dem Theaterschiff um eine Idee meiner verstorbenen Frau handelt. Den Trägerverein Discover Jewish Europe e. V. haben wir 2015 gegründet und wollten ein jüdisches Theater gründen, haben aber keine passenden Räumlichkeiten gefunden. Meine Frau meinte 2019, dass es durchaus Sinn machen würde, mobil zu sein, wenn wir Kunst und Kultur gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einsetzen wollen. Schließlich würden diese Dinge ja nicht nur an einem Ort stattfinden. So brachte sie die Idee auf, ein Theaterschiff zu machen. Leider hat meine Frau die Realisierung nicht mehr erlebt.   

Allerdings hat sich ihre Idee als echtes Erfolgsmodell erwiesen. Seit einem Jahr ist die MS Goldberg gut besucht. 

Ja, wir können 160 Gäste aufnehmen, zur Not erweitern wir den Raum auf 190 Plätze und wir haben im Schnitt eine Auslastung von 80 Prozent. Davon können manche anderen Theater nur träumen.  

Von Anfang an haben Sie das Projekt „Meet a Rabbi“ im Programm gehabt. Was verbirgt sich dahinter?

Es handelt sich um ein- bis eineinhalbstündige Veranstaltungen, in denen es um Sitten und Gebräuche des Judentums geht. Wir machen diese Workshops ganz authentisch mit echten Rabbinerinnen und Rabbinern sowie einer Chasan, also einer Vorbeterin. Es handelt sich also nicht um eine akademische Vorlesung übers Judentum, sondern hier geht es um ganz praktische Wissensvermittlung über jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart. 

An wen richtet sich dieses Projekt?

Konzipiert haben wir es für Schülerinnen und Schüler und wir haben von Anfang an großen Zuspruch bekommen. Wir haben aber nicht nur Schulen in Berlin und Brandenburg angesprochen, sondern auch die Polizeiakademie Berlin in Spandau. Der Polizeinachwuchs kommt in Scharen! Das ist sehr spannend, weil es dort ja viele Menschen mit dem so genannten Migrationshintergrund gibt. Wir haben es nur ein einziges Mal erlebt, dass ein junger Polizeibeamter mit arabischen Wurzeln nicht damit zurechtkam und einfach gegangen ist. Er hat es nicht ausgehalten, dass wir diese Veranstaltung vollkommen unpolitisch halten wollten – es geht ja nur um Wissensvermittlung.  

Das ist in der gegenwärtig aufgeheizten Stimmungslage sicherlich schwer genug. Gab es sonst mal Problem in der Hinsicht?

Die MS Goldberg, die in Berlin-Spandau ihren Heimathafen hat, ist als jüdisches Theaterschiff gut zu erkennen und trotzdem gab es bisher keine Schmierereien. Ansonsten passt die Polizei gut auf uns auf, wir fühlen uns gut behütet. Aufgrund der aktuellen Situation haben wir die Sicherheitsmaßnahmen natürlich etwas hochgefahren. 

Wie läuft ein „Meet a Rabbi“-Workshop ab? 

Es beginnt damit, dass unsere Vorbeterin Jalda Rebling, die auch als Sängerin unterwegs ist, erstmal ihre Aufgabe im Gottesdienst erläutert und dann Gebete singend vorträgt und Shabat-Lieder singt. Daran knüpfen sich ganz schnell Diskussionen an, da vielen Schülerinnen und Schülern schnell Gemeinsamkeiten auffallen, spätestens bei der Zeile „am siebten Tag sollst du ruhen“. Plötzlich fällt auf, wie die Religionen miteinander zusammenhängen. Wir freuen uns immer wieder darüber, dass sich dabei fruchtbare Diskussionen entwickeln, sowohl mit christlichen als auch mit muslimischen Kindern und Jugendlichen. 

Wie fallen die Reaktionen insgesamt aus?

Sehr positiv. Die Schülerinnen und Schüler werden in der Regel sehr gut vorbereitet von ihren Lehrkräften. Und es ist ja auch kein Frontalunterricht bei uns, sondern die Workshops laufen diskursiv. Dabei kommen aber auch immer wieder die bekannten Klischees zur Sprache, wie zum Beispiel, dass alle Juden reich seien.  

So etwas kommt aus den Reihen der Kinder und Jugendlichen?

Ja, daran sieht man, mit welchen Klischees junge Menschen immer noch aufwachsen. „Der reiche Jude“ hält sich leider hartnäckig. Ich rate dann immer zu einem Besuch in der Sozialabteilung unserer jüdischen Gemeinde. Dort würden die Leute sehen, wie wenig das zutrifft. Aber die Leute, die die Workshops bei uns machen, sind in solchen Dingen sehr erfahren und wissen damit umzugehen.   

Die „Meet a Rabbi“-Veranstaltungen sind kostenlos. Das macht es den Schulen sicherlich einfacher, das Angebot wahrzunehmen. 

Ja, und wir sind sehr dankbar, dass die Stiftung Berliner Sparkasse es ermöglicht, dass bei „Meet a Rabbi“ niemand Eintritt zahlen muss. Das kommt sehr gut an. In unserem ersten Jahr konnten wir diesen Workshop etwa 30 Mal anbieten. Wir begrenzen die Veranstaltungen auf jeweils 40 Personen, damit es etwas persönlicher bleibt.   

Jetzt steht die christliche Weihnachtszeit an und Menschen jüdischen Glaubens feiern das Lichterfest. Gibt es da auch Gemeinsamkeiten?

Das Lichterfest oder „Chanukka“, wie es auf hebräisch heißt, und Weihnachten sind ja durchaus verwandte Feste. Chanukka beginnt am 7. Dezember und geht dann acht Tage lang bis zum 15. Dezember. Es ist aber wie das christliche Weihnachten ein Familienfest und bei uns bekommen die Kinder auch Geschenke. Auf der MS Goldberg werden wir im Dezember ein Chanukka-Programm anbieten. Wir liegen dann mit unserem Jüdischen Kulturschiff in Berlin-Mitte am Schiffbauerdamm. Aber nochmal zu den Gemeinsamkeiten: Bis in die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein war es für liberale jüdische Familien ganz selbstverständlich, zur Chanukka-Zeit auch einen Weihnachtsbaum aufzustellen.  

Die Veranstaltungen sind ein- bis eineinhalbstündige Workshops, in denen authentisch über jüdische Sitten, Gebräuche und das praktische jüdische Leben in Geschichte und Gegenwart informiert wird, unter Beteiligung von Rabbinerinnen, Rabbis und einer Vorbeterin.